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Zwei Tassen in der Ainmillerstraße

Claudia, 56 · München

Drei Jahre lang habe ich zwei Tassen aus dem Schrank genommen. Jeden Morgen, ohne nachzudenken, die blaue für mich und die mit dem abgeplatzten Henkel für Wolfgang, und jeden Morgen habe ich die zweite wieder zurückgestellt. Irgendwann im vergangenen Frühjahr habe ich es nicht mehr getan. Ich habe es erst Tage später bemerkt, und dann habe ich mich an den Küchentisch gesetzt und eine Stunde lang nichts getan, nicht einmal geweint. Das war, glaube ich, der Anfang.

Wolfgang ist an einem Dienstag im Oktober gestorben, auf dem Weg ins Büro, zwischen der Münchner Freiheit und seinem Schreibtisch. Das Herz, sagten die Ärzte, ganz plötzlich, er habe nichts gespürt. Ich habe mich oft gefragt, ob das ein Trost sein soll. Wir waren dreißig Jahre verheiratet. Unsere Wohnung in der Ainmillerstraße, Altbau, vierter Stock ohne Aufzug, war voll von ihm: seine Schallplatten, sein Lesesessel, die Karten von Südtirol, auf denen er mit Bleistift unsere Wanderungen eingezeichnet hatte.

Ich bin sechsundfünfzig. Meine Tochter lebt in Wien und ruft sonntags an. Meine Freundinnen haben mich eine Weile ins Kino geschleppt und zu Geburtstagen, bis sie merkten, dass ich lieber zu Hause blieb. Was mir blieb, war der Englische Garten. Ich ging jeden Morgen, bei jedem Wetter, hinüber zur Königinstraße und hinein unter die Bäume, einmal um den Kleinhesseloher See und zurück.

Er saß immer auf derselben Bank am Ufer, mit Blick auf die kleine Insel und das Seehaus. Ein Mann um die sechzig, kurze graue Haare, eine Wachsjacke, die schon viele Winter gesehen hatte, und auf den Knien ein Skizzenbuch. Lange nahm ich ihn nicht wahr. Dann nahm ich ihn wahr, weil er an einem Morgen im September nicht da war und ich merkte, dass mir etwas fehlte.

Am nächsten Tag saß er wieder dort. Ich blieb stehen, was ich sonst nie tat. „Sie zeichnen jeden Tag dasselbe“, sagte ich, und erschrak über mich selbst.

Er sah auf und lächelte, nicht im Geringsten überrascht. „Nicht dasselbe“, sagte er. „Denselben Ort. Das ist ein großer Unterschied. Das Licht ist jeden Morgen anders. Die Enten auch, wenn man genau hinschaut.“ Er drehte das Buch zu mir. Bleistift und Aquarell, der See im Nebel, der See im Regen, der See mit einem roten Tretboot, das wie ein Ausrufezeichen in der Mitte lag. Und auf einer Seite, ganz klein, am Rand des Weges, eine Frau in einem grauen Mantel mit gesenktem Kopf.

„Bin das ich?“, fragte ich.

„Seit ungefähr einem Jahr“, sagte er. „Sie gehen immer, als würden Sie etwas suchen, das Sie auf dem Boden verloren haben. Entschuldigen Sie. Ich hätte fragen sollen.“

Ich hätte wütend sein können. Aber ich stand da, sah diese kleine graue Gestalt an und dachte: Ja. Genau so bin ich gegangen. Drei Jahre lang.

Er hieß Georg, war Architekt gewesen, bis vor zwei Jahren, und lebte seitdem allein in der Hohenzollernstraße, keine zehn Minuten von mir entfernt. Seine Frau hatte ihn vor langer Zeit verlassen, für einen Zahnarzt aus Starnberg, wie er mit einem Schulterzucken erzählte, das mehr von Frieden als von Bitterkeit verriet.

Von da an gingen wir zusammen. Nicht jeden Tag, aber oft. Den Hügel hinauf zum Monopteros, von wo man über die Wiesen bis zu den Türmen der Frauenkirche schauen kann, hinunter zum Eisbach, wo die Surfer auch im Oktober noch in ihren Neoprenanzügen auf die Welle warteten. Er erzählte von Häusern, die er gebaut hatte, und ich erzählte von Wolfgang. Er hörte zu, ohne mich zu trösten. Das war das Kostbarste daran.

Im November lud er mich zum Essen ein. „Nicht in Schwabing“, sagte er. „Irgendwo, wo Sie nie mit Ihrem Mann waren.“

Ich musste lange überlegen, wo das sein könnte. Wolfgang hatte das Glockenbachviertel nie gemocht, zu laut, zu jung, zu viele Bärte, hatte er immer gesagt. Also fuhren wir an einem Samstagabend mit der U3 von der Giselastraße bis Sendlinger Tor und gingen die Müllerstraße hinunter, vorbei an Bars, in denen junge Männer in engen Hemden standen, bis zum Gärtnerplatz, wo das Theater im Scheinwerferlicht lag wie eine Hochzeitstorte.

Das Lokal, das er ausgesucht hatte, war ein kleiner Italiener in der Hans-Sachs-Straße, mit Kerzen auf den Tischen und einem Kellner, der Georg mit Namen begrüßte. Ich trug ein dunkelgrünes Kleid, das ich vor fünf Jahren gekauft und nie angezogen hatte, und im Spiegel an der Garderobe sah ich eine Frau, die mir lange nicht begegnet war. Sie hatte Farbe auf den Wangen. Sie sah aus, als erwarte sie etwas.

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Wir tranken einen Primitivo und aßen Pasta mit Trüffel, und irgendwann merkte ich, dass ich laut lachte, über einen Bauherrn, der sein Badezimmer nach dem Horoskop ausrichten wollte. Am Nachbartisch drehten sich die Leute um. Es war mir gleich.

Später standen wir auf dem Gärtnerplatz, und es hatte zu nieseln begonnen. Die Laternen spiegelten sich im nassen Pflaster. Georg spannte einen Schirm auf, und wir standen darunter, zu nah für zwei Menschen, die nur zusammen spazieren gehen.

„Claudia“, sagte er. „Ich möchte nichts kaputtmachen.“

„Was denn?“

„Das hier. Die Morgen am See. Ich bin zu alt, um mich lächerlich zu machen, und zu jung, um es nicht zu wollen.“

Ich sah zu ihm hoch. Der Regen trommelte leise auf den Schirm. Ich dachte an die Tasse mit dem abgeplatzten Henkel, an den Lesesessel, an die Karten von Südtirol. Und dann dachte ich, dass Wolfgang, der mich dreißig Jahre lang geliebt hatte, der Letzte gewesen wäre, der gewollt hätte, dass ich für immer mit gesenktem Kopf um einen See laufe.

„Bringen Sie mich nach Hause“, sagte ich. Und dann, weil das Sie unter diesem Schirm plötzlich absurd klang: „Bring mich nach Hause, Georg. Und komm mit hinauf.“

Wir nahmen ein Taxi, weil keiner von uns das grelle Licht der U-Bahn ertragen hätte. Im Fond saßen wir nebeneinander wie Schulkinder, die Hände auf den Knien, und erst auf der Leopoldstraße griff er nach meiner Hand. Ich hielt sie fest, bis wir in der Ainmillerstraße ankamen.

Im Treppenhaus zählte ich die Stufen, wie ich es seit dreißig Jahren tue, und mit jeder Etage wurde mein Herz lauter. Vor der Wohnungstür zögerte ich. Georg sagte nichts. Er wartete einfach, und dieses geduldige, unaufdringliche Warten war es, das mich den Schlüssel umdrehen ließ.

Ich machte kein Licht im Flur. Ich wollte nicht, dass er die Schallplatten sieht, den Sessel, die Fotos. Ich wollte, dass es heute Nacht nur uns gibt, in dieser Wohnung, die so lange nur Erinnerung gewesen war. Er zog mir den nassen Mantel von den Schultern, langsam, als würde er etwas Zerbrechliches auspacken, und dann küsste er mich, und ich hatte vergessen, dass ein Kuss so viel Wärme in einem Körper verteilen kann, bis in die Fingerspitzen. Die Tür zum Schlafzimmer stand offen. Den Rest behalte ich für mich.

Am Morgen wachte ich vor ihm auf. Graues Novemberlicht lag auf der Bettdecke, draußen rumpelte eine Tram über den Kurfürstenplatz, irgendwo läutete die Glocke von St. Ursula. Georg schlief auf dem Rücken, einen Arm über dem Kopf, und ich betrachtete lange dieses fremde, vertraute Gesicht in meinem Bett. Ich wartete auf die Schuld. Sie kam nicht. Es kam etwas anderes, etwas Stilles und Helles, das sich anfühlte wie ein Fenster, das man nach einem langen Winter zum ersten Mal öffnet.

Ich stand auf, ging in die Küche und öffnete den Schrank. Ich nahm zwei Tassen heraus: die blaue und eine weiße, die ich im Sommer auf dem Flohmarkt gekauft hatte, ohne zu wissen, wofür.

Als Georg in die Küche kam, das Hemd falsch geknöpft, stand der Kaffee schon auf dem Tisch. Er sah die zwei Tassen an und dann mich.

„Gehen wir nachher an den See?“, fragte er.

„Ja“, sagte ich. „Aber heute zeichnest du mich mit erhobenem Kopf.“

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