Die Brücke am Landwehrkanal
Karin, 52 · Berlin
Der Spiegel im Flur meiner neuen Wohnung hängt ein wenig schief. Ich habe ihn im März selbst angeschraubt, mit einer geliehenen Bohrmaschine und einem Dübel, der nicht ganz passte, und seitdem sehe ich mich darin leicht geneigt, als würde ich über etwas nachdenken, das mir noch niemand erklärt hat. An diesem Freitagabend stand ich zwanzig Minuten davor. Drei Blusen lagen auf dem Bett, eine vierte hatte ich an. Fünfundzwanzig Jahre lang hatte ich mich für niemanden umgezogen außer für Elternabende, Weihnachtsfeiern und Beerdigungen.
Die Wohnung liegt in der Knaackstraße, zweiter Hinterhof, zwei Zimmer mit Dielen, die knarren, wenn man nachts zur Küche geht. Nach der Scheidung wollte ich nicht mehr nach Zehlendorf zurück, nicht in das Haus mit dem Garten, dessen Hecke Rainer jeden Samstag mit einer Wasserwaage geschnitten hatte. Ich wollte Lärm, Kinderwagen, Kneipen, in denen niemand meinen Namen kennt. Ich wollte, glaube ich, eine Frau sein, die man noch nicht kennt – nicht einmal ich selbst.
Mein Handy vibrierte. „Bin schon da. Kein Stress. Ich sitze auf der Brücke und schaue den Schwänen beim Nichtstun zu.“ Matthias. Wir hatten uns vor drei Wochen online kennengelernt, hatten uns Nachrichten geschrieben, die immer länger wurden, dann nachts telefoniert, einmal fast zwei Stunden. Er war vierundfünfzig, Tontechniker an einem Theater, geschieden seit acht Jahren. Er hatte eine Stimme, bei der ich das Handy fester ans Ohr drückte.
Ich nahm die U2 ab Senefelderplatz, stieg am Alexanderplatz um und fuhr mit der U8 bis Kottbusser Tor. Mir gegenüber teilte sich ein junges Paar einen Kopfhörer, die Köpfe aneinandergelehnt. Früher hätte ich sie beneidet. Jetzt lächelte ich nur. Ich war ja selbst unterwegs.
Am Kotti roch es nach Döner, nach Regen auf Asphalt und nach etwas Süßem, das ich nicht zuordnen konnte. Ich ging die Admiralstraße hinunter, vorbei an Balkonen mit Fahrrädern und Geranien, und dann lag der Landwehrkanal vor mir, grünlich und träge im Abendlicht. Auf der Admiralbrücke saßen die Leute wie an jedem warmen Abend auf dem Kopfsteinpflaster, mit Bierflaschen und Gitarren.
Ich erkannte ihn sofort, obwohl das Foto im Profil älter gewesen sein musste. Er saß auf dem Geländer, die Ärmel seines dunkelblauen Hemdes hochgekrempelt, graue Schläfen, eine Brille, die er gerade abnahm, als er mich sah. Er stand auf, und für einen Moment wussten wir beide nicht, ob wir uns die Hand geben oder umarmen sollten. Wir machten etwas dazwischen, das verlegen und herzlich zugleich war.
„Karin“, sagte er, als wolle er ausprobieren, wie der Name sich in echt anfühlt.
„Matthias“, sagte ich. „Du bist größer als am Telefon.“
Er lachte, ein tiefes, unvorsichtiges Lachen, und die Anspannung fiel von mir ab wie ein nasser Mantel.
Wir gingen am Paul-Lincke-Ufer entlang, unter den Kastanien, deren Blätter schon die ersten braunen Ränder hatten. Er erzählte von einer Premiere, bei der mitten im Monolog der Hauptdarstellerin eine Feuerwehrsirene aus den Lautsprechern kam, weil ein Praktikant die falsche Spur gestartet hatte. Ich erzählte von meinem ersten Abend in der neuen Wohnung, als ich auf einer Matratze auf dem Boden gesessen und Nudeln direkt aus dem Topf gegessen hatte, weil die Teller noch in Kartons steckten. „Ich habe dabei geweint“, sagte ich. „Aber nicht, weil ich traurig war. Ich glaube, ich war erleichtert.“
Er blieb stehen und sah mich an. „Das kenne ich“, sagte er leise. „Die ersten Nudeln danach schmecken nach Freiheit und nach zu wenig Salz.“
In einer kleinen Weinbar in der Graefestraße fanden wir einen Tisch draußen, zwischen einem Oleander im Kübel und einer Laterne, die flackerte, als könne sie sich nicht entscheiden. Er bestellte einen Riesling von der Mosel, ich einen Grauburgunder, und dann tauschten wir die Gläser, weil jeder den Wein des anderen besser fand. Die Kellnerin zwinkerte mir zu, als sie die Oliven brachte. Ich wurde rot. Mit zweiundfünfzig. Ich hätte nicht gedacht, dass mein Körper sich daran noch erinnert.
Irgendwann fragte er: „Was willst du eigentlich? Ich meine nicht heute Abend. Ich meine überhaupt.“
Ich drehte das Glas zwischen den Fingern. Fünfundzwanzig Jahre lang hatte mich das niemand gefragt, und ich hatte es mich selbst auch nicht gefragt. Ich hatte gewusst, was die Kinder wollten, was Rainer wollte, was die Schwiegermutter zu Ostern wollte. „Ich will nichts versprechen müssen“, sagte ich schließlich. „Ich will nicht schon wieder jemandes Kalender sein. Ich will spüren, dass ich lebe. Und dann schauen, was passiert.“
Er nickte langsam. „Das klingt nach einem sehr guten Plan.“
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Jetzt reife Frauen treffen„Es ist gar kein Plan. Das ist ja das Schöne daran.“
Unter dem Tisch berührte sein Knie meines. Zuerst dachte ich, es sei Zufall, der enge Platz, die kleinen Bistrostühle. Aber er zog es nicht zurück, und ich zog meines auch nicht zurück. Wir redeten weiter, über seine Tochter in Leipzig und meinen Sohn in Freiburg, und die ganze Zeit war da diese kleine warme Stelle an meinem Bein, die alles andere übertönte. Ich hörte kaum noch, was ich sagte. Ich hörte mein Herz, und es klang nicht ängstlich.
Als die Laterne endgültig aufgab und nur noch das Licht aus dem Fenster der Bar auf unseren Tisch fiel, legte er seine Hand auf meine. Sie war trocken und warm, mit einer kleinen Schwiele am Daumen. „Ich wohne um die Ecke“, sagte er. „In der Böckhstraße. Ich sage das nicht, weil ich etwas erwarte. Ich sage es nur, damit du es weißt.“
Ich sah ihn lange an. In meinem Kopf meldete sich die alte Karin, die vernünftige, die mit dem Kalender und der Wasserwaage im Leben. Sie sagte, so etwas tue man nicht beim ersten Treffen. Sie fragte, was die Leute denken würden. Und dann merkte ich, dass es keine Leute mehr gab, die etwas denken würden. Es gab nur diesen Abend, diesen Mann, diese Hand.
„Dann zeig mir die Ecke“, sagte ich.
Das Treppenhaus roch nach Bohnerwachs und nach dem Abendessen der Nachbarn. Im dritten Stock blieb er vor seiner Tür stehen und suchte nach dem Schlüssel, und seine Finger zitterten ein wenig. Das rührte mich mehr als alles, was er an diesem Abend gesagt hatte. Ich legte meine Hand auf seinen Arm, er hörte auf zu suchen und sah mich an, und dann küsste er mich, dort im Halbdunkel, unter der Zeitschaltuhr, die nach einer Minute klickte und uns im Finstern stehen ließ. Wir lachten beide in den Kuss hinein. Dann fand er den Schlüssel, und die Tür fiel hinter uns ins Schloss.
Was danach geschah, gehört mir. Ich will nur so viel sagen: Ich hatte vergessen, wie es ist, gesehen zu werden. Nicht angeschaut, sondern gesehen, mit allem, was fünf Jahrzehnte an einem Körper hinterlassen. Und ich hatte vergessen, wie es ist, davor keine Angst zu haben.
Ich wachte auf, weil eine Taube auf dem Fensterbrett gurrte. Das Licht fiel schräg durch einen Vorhang, der nicht ganz zugezogen war, und für einen Augenblick wusste ich nicht, wo ich war. Dann hörte ich die Kaffeemaschine in der Küche, ein altes Ding, das röchelte wie ein Dampfer, und ich lag da und musste lächeln, weil niemand von mir erwartete, dass ich aufstehe und Frühstück mache.
Matthias kam mit zwei Tassen herein, barfuß, in einem ausgewaschenen T-Shirt einer Band, die ich nicht kannte. „Milch ist aus“, sagte er. „Ich kann dir schwarzen Kaffee anbieten und ein halbes Croissant von gestern.“
„Das ist das beste Angebot, das ich seit Jahren bekommen habe.“
Wir saßen auf der Bettkante und tranken den bitteren Kaffee, und irgendwo übte jemand Trompete, schlecht und mit großer Hingabe. Ich fragte mich, ob ich jetzt etwas sagen müsste. Ob man sich verabredet, ob man sich verspricht, sich zu melden. Aber er fragte nichts, und ich fragte nichts, und genau das fühlte sich richtig an.
Als ich ging, begleitete er mich hinunter bis zur Haustür. „Wenn du irgendwann Lust hast, wieder Wein zu tauschen“, sagte er, „dann weißt du ja, wo die Brücke ist.“
„Ich weiß, wo die Brücke ist“, sagte ich und küsste ihn auf die Wange.
Ich lief über den Kottbusser Damm bis zum Hermannplatz, obwohl ich an der Schönleinstraße hätte einsteigen können. Ich wollte die Stadt unter den Füßen spüren, die Bäckereien, die gerade aufmachten, die Männer vor den Cafés mit ihren kleinen Teegläsern. In der U8 Richtung Wittenau saß ich am Fenster und sah mein Spiegelbild in der dunklen Tunnelscheibe. Die Haare ein wenig durcheinander, die Bluse von gestern zerknittert, die Augen hell.
Zu Hause in der Knaackstraße hängte ich die Bluse über einen Stuhl und blieb vor dem schiefen Spiegel stehen. Ich richtete ihn nicht gerade. Ich fand, er passte jetzt zu mir: eine Frau, leicht geneigt, als höre sie einer Musik zu, die gerade erst angefangen hat.







