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Sonntags auf der Promenade

Martina, 50 · Münster

Mein Mann ist ein Mensch, der auf Flughäfen zu Hause ist. Rainer verkauft Verpackungsmaschinen für ein Unternehmen aus dem Münsterland, und diese Maschinen stehen in Shanghai, in Monterrey, in Izmir, überall, nur nicht bei uns im Kreuzviertel. Wenn er da ist, schläft er viel, schaut Fußball und erzählt von Hotelfrühstücken. Wenn er weg ist, telefonieren wir abends zehn Minuten, und er fragt, ob die Heizung wieder läuft. Wir sind seit sechsundzwanzig Jahren verheiratet. Ich liebe ihn, glaube ich. Ich weiß nur nicht mehr genau, wie sich das anfühlt.

An jenem Sonntag im September war er in Mexiko. Ich hatte die Wohnung geputzt, obwohl sie sauber war, hatte die Zeitung zweimal gelesen und schließlich das Fahrrad aus dem Keller geholt, ein altes Hollandrad mit Korb, das eigentlich unsere Tochter hätte mitnehmen sollen, als sie zum Studieren nach Leipzig zog. Münster ist sonntags eine Stadt auf zwei Rädern. Auf der Promenade, dem breiten Ring unter den Linden, wo früher die Stadtmauer stand, fährt man im Pulk: Familien mit Anhängern, Studenten mit Kaffeebechern in der Hand, Rentner in Funktionsjacken, alle im stillen Einverständnis, dass hier kein Auto etwas zu suchen hat.

Kurz hinter dem Buddenturm sprang mir die Kette ab. Ich bremste, stieg ab, fluchte leise und starrte auf das ölige Durcheinander, als könnte ich es mit Blicken reparieren.

„Darf ich?“

Er hatte schon angehalten, bevor ich antworten konnte. Ein Mann in meinem Alter, vielleicht ein wenig älter, mit kurz geschorenem grauem Haar, braun gebrannten Unterarmen und einem Rennrad, das mehr gekostet haben musste als mein gesamter Kleiderschrank. Er kniete sich neben mein Hollandrad, drehte am Pedal, legte die Kette mit zwei Fingern auf das Zahnrad, und in weniger als einer Minute war alles wieder, wie es sein sollte. Nur seine Hände waren schwarz.

„Ich hätte ein Taschentuch“, sagte ich.

„Ich hätte lieber einen Kaffee“, sagte er. „Dann wären wir quitt.“

Er hieß Thomas, war Tischler, hatte eine Werkstatt in Hiltrup und seit zwei Jahren keine Frau mehr, jedenfalls keine, die bei ihm wohnte. Das erzählte er mir, während wir nebeneinander Richtung Aasee rollten, ich auf meinem schweren Rad, er auf seinem leichten, das er aus Höflichkeit so langsam fuhr, dass er beinahe umkippte. Wir kamen an den drei riesigen Betonkugeln vorbei, die Claes Oldenburg vor fast fünfzig Jahren ans Ufer gelegt hat und auf denen immer irgendein Kind herumklettert, überquerten die Torminbrücke und fuhren am Wasser entlang, wo die Segelboote vor sich hin dümpelten und die Studenten auf den Wiesen lagen, als wäre der Sommer noch nicht vorbei.

Wir tranken Kaffee in einem Lokal am Ufer, draußen, unter einem Sonnenschirm, der im Wind knatterte. Er wusch sich die Hände nicht, weil er es vergaß, und ich bemerkte, dass ich immer wieder auf diese Hände sah, breit und rissig und erstaunlich behutsam mit der kleinen Tasse. Er erzählte von Holz, von Eiche und Kirsche und Nussbaum, und davon, dass man an der Maserung erkennen könne, ob ein Baum in guten oder in schlechten Jahren gewachsen sei.

„Und bei Menschen?“, fragte ich. „Sieht man das da auch?“

Er sah mich an, ruhig und prüfend, wie vielleicht ein Brett auf seiner Hobelbank. „Bei Ihnen sieht man, dass Sie zu viel allein sind.“

Ich hätte gehen sollen. Ich hätte lachen und sagen können, dass mein Mann in Mexiko sei und am Donnerstag zurückkomme und dass ich jetzt leider nach Hause müsse. Stattdessen drehte ich an meinem Ehering, den ich seit sechsundzwanzig Jahren nicht abgenommen habe, und fragte: „Das sieht man?“

„Man sieht es, weil Sie seit einer Stunde reden, als hätten Sie Angst, dass Sie gleich jemand unterbricht.“

Ich wurde rot, und ich war seit Jahrzehnten nicht mehr rot geworden. Um es zu überspielen, erzählte ich noch mehr: von meiner Arbeit in der Stadtbücherei, halbtags, von der Tochter in Leipzig, die nur noch anruft, wenn die Waschmaschine streikt, von den Abenden, an denen ich zwei Teller aus dem Schrank nehme und einen wieder zurückstelle. Thomas hörte zu, ohne mich zu unterbrechen, ohne Ratschläge, ohne dieses Nicken, mit dem Männer einem zeigen, dass sie in Gedanken schon woanders sind. Irgendwann merkte ich, dass mein Kaffee kalt geworden war und dass es mir nichts ausmachte.

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Wir fuhren weiter, einmal um den ganzen See, am Mühlenhof vorbei, wo die alte Bockwindmühle zwischen den Bäumen steht, und dann zurück in die Stadt. Am Ludgerikreisel wollte ich mich verabschieden. Er fragte, ob ich den Hafen kenne. Natürlich kannte ich ihn. Jeder in Münster kennt den Stadthafen mit seinen alten Speichern und den neuen Glasfassaden, den Lokalen an der Kaimauer und dem Kanalwasser, das abends die Lichter spiegelt. Trotzdem war ich seit Jahren nicht dort gewesen. Rainer mag keine Orte, an denen man draußen sitzt.

„Ich wohne da“, sagte Thomas. „Über der Werkstatt eines Freundes, am Hafenweg. Ich könnte Ihnen etwas zeigen, das ich gerade baue. Einen Tisch aus einer Eiche, die zweihundert Jahre alt war.“

Es war die durchsichtigste Ausrede, die ich je gehört hatte. Wir wussten es beide. Und ich fuhr trotzdem hinter ihm her, über die Kreuzung, als hätte jemand anderes das für mich entschieden.

Der Tisch stand tatsächlich da, in einer Halle aus rotem Backstein, zwischen Hobelbänken und Stapeln von Brettern, und er war wunderschön. Eine einzige breite Platte, die Kanten naturbelassen, die Oberfläche so glatt geschliffen, dass ich unwillkürlich mit der Hand darüberstrich. Es roch nach Harz und Leinöl und nach etwas Dunklem, Warmem, das ich nicht benennen konnte.

„Zweihundert Jahre“, sagte ich. „Und jetzt stellt jemand seine Kaffeetassen darauf.“

„Das ist das Beste, was einem Baum passieren kann“, sagte er. „Dass er noch gebraucht wird.“

Ich ging langsam um den Tisch herum. An einer Stelle hatte das Holz einen dunklen Ring, eine Narbe, als hätte vor langer Zeit ein Blitz den Stamm gestreift. Thomas hatte sie nicht herausgeschliffen. „Das war ein schlechter Sommer“, sagte er, „vielleicht um achtzehnhundertvierzig. Der Baum hat trotzdem weitergemacht.“ Ich legte den Finger auf die Narbe und hatte das absurde Gefühl, dass er gar nicht von dem Baum sprach.

Er stand hinter mir. Ich spürte ihn, bevor er mich berührte, spürte die Wärme seines Körpers durch meine dünne Bluse, und als er schließlich die Hand auf meine legte, auf die Hand mit dem Ring, zog ich sie nicht weg. Er drehte mich nicht zu sich um. Ich drehte mich selbst.

Ich werde nicht erzählen, was danach geschah. Nicht, weil ich mich schäme, sondern weil es mir gehört, mir allein, und weil es das Einzige in meinem Leben ist, von dem Rainer nichts weiß. Nur so viel: Die Treppe zu seiner Wohnung war steil, die Tür quietschte, und als sie hinter uns zufiel, dachte ich an nichts mehr. Nicht an Mexiko, nicht an die Heizung, nicht an sechsundzwanzig Jahre.

Es war schon dunkel, als ich nach Hause fuhr. Ich nahm nicht die Promenade, sondern fuhr langsam am Hafenbecken vorbei, durch das Hansaviertel und dann über den Bült, und in jedem Schaufenster sah ich eine Frau auf einem Hollandrad, die ich nicht wiedererkannte. Im Kreuzviertel brannte hinter vielen Fenstern schon Licht, die Kreuzkirche ragte dunkel über die Dächer, und in unserer Wohnung klingelte das Telefon, als ich die Tür aufschloss.

„Hier ist es schon Mittag“, sagte Rainer. „Läuft die Heizung?“

„Die Heizung läuft“, sagte ich.

Ich habe Thomas seither zweimal wiedergesehen. Beide Male an einem Sonntag, beide Male, während Rainer in einem Flugzeug saß. Ich weiß, wie das klingt. Ich weiß, was die Leute sagen würden, die Nachbarn, meine Tochter, meine Schwester in Telgte. Ich habe mir selbst alle diese Sätze schon vorgesagt, nachts, wenn ich wach liege und die Glocken der Kreuzkirche zähle.

Aber manchmal, wenn ich morgens am Küchentisch sitze und mit der Hand über die Platte streiche, die aus billigem Furnier ist und nicht aus zweihundertjähriger Eiche, dann denke ich, dass auch Menschen noch gebraucht werden wollen. Und dass es vielleicht nicht die schlimmste aller Sünden ist, das nicht zu vergessen.

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