Acht Takte bis zum Rhein
Birgit, 53 · Düsseldorf
„Tango ist ein Gespräch ohne Worte“, sagte die Lehrerin, eine drahtige Argentinierin mit grauem Pagenkopf, und klatschte in die Hände. „Wer redet, hört nicht zu. Also: Mund zu, Brust auf.“
Birgit stand am Rand des Saals im ersten Stock eines Hauses an der Ratinger Straße und bereute bereits die dreihundert Euro für den Herbstkurs. Unten auf der Straße lärmten die ersten Altbiertrinker, drinnen roch es nach Bohnerwachs und fremdem Parfum. Dreiundfünfzig Jahre alt, seit einem Jahr geschieden, Steuerberaterin mit eigener Kanzlei in Oberkassel – und nun wartete sie wie ein Mauerblümchen darauf, dass jemand sie zum Tanzen aufforderte. Ihre Schwester hatte gesagt: „Mach endlich mal was nur für dich.“ Ihre Schwester hatte gut reden.
„Die Damen links, die Herren rechts“, rief die Lehrerin. „Und dann wechseln wir. Jeder mit jedem.“
Der dritte Wechsel brachte ihr einen Mann, der nicht auf seine Füße sah. Das war das Erste, was ihr auffiel. Die anderen Männer starrten auf das Parkett, als läge dort die Schrittfolge aufgemalt. Dieser hier sah sie an, mit dunklen, ruhigen Augen, und legte die Hand so selbstverständlich auf ihren Rücken, als hätte er dort schon öfter gelegen.
„Luca“, sagte er leise. „Ich kann das auch nicht. Aber ich tue so.“
Sie lachte, und die Lehrerin warf ihr einen strafenden Blick zu.
Luca kam aus Turin, war sechsundfünfzig und Statiker. Seine Firma hatte ihn für ein halbes Jahr nach Düsseldorf geschickt, um den Umbau eines Bürogebäudes im Medienhafen zu betreuen, und er wohnte in einem möblierten Apartment an der Speditionstraße, mit Blick auf das Wasser und die schiefen Gehry-Bauten. Das alles erfuhr Birgit nach der dritten Stunde, als er sie fragte, ob sie ihm erklären könne, warum man in dieser Stadt Bier aus so kleinen Gläsern trinke.
Sie gingen hinüber ins Uerige an der Bergerstraße, standen draußen an einem der Fässer, und der Köbes stellte ungefragt ein Glas nach dem anderen hin, bis Birgit ihm zeigte, wie man den Bierdeckel aufs Glas legt. Luca betrachtete das Ritual mit dem Ernst eines Ingenieurs, der eine fremde Konstruktion begutachtet.
„In Italien“, sagte er, „würde man dafür einen Vertrag unterschreiben.“
„Hier reicht ein Bierdeckel“, sagte Birgit. „Wir sind unkompliziert.“
Er sah sie an, und sie merkte, wie ihr Satz in der Luft hängen blieb und eine zweite Bedeutung bekam, die sie gar nicht gemeint hatte. Oder doch. Sie war sich nicht mehr sicher.
Nach dem Bier liefen sie hinunter an den Rhein. Die Promenade war noch voll, obwohl es schon Oktober war, Paare saßen auf den breiten Freitreppen, ein Straßenmusiker spielte Akkordeon, und auf der anderen Seite leuchteten die Lichter von Oberkassel, wo Birgit seit zwanzig Jahren wohnte und plötzlich nicht mehr hinwollte. Der Rheinturm glühte rot und blau in den Himmel, seine Lichtzeiger zählten die Sekunden.
„Die Uhr da“, sagte Luca und zeigte hinauf. „Ich habe drei Wochen gebraucht, um sie zu lesen.“
„Die meisten Düsseldorfer können sie auch nicht lesen“, gestand Birgit. „Wir tun nur so.“
„So wie ich beim Tango.“
„So wie Sie beim Tango.“
Sie gingen weiter, am Landtag vorbei, bis dorthin, wo der Medienhafen beginnt und die Kräne der alten Hafenanlagen wie Skulpturen vor den Glasfassaden stehen. Vor seinem Haus blieb er stehen. Er fragte nichts. Er nahm nur ihre Hand und küsste die Innenseite ihres Handgelenks, dort, wo der Puls schlägt, und dann ließ er sie los.
„Bis Dienstag“, sagte er. „Zur Stunde.“
Birgit fuhr mit dem Taxi nach Hause und konnte die ganze Nacht nicht schlafen.
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Jetzt reife Frauen treffenAm Dienstag tanzten sie nur miteinander. Die Lehrerin ließ es geschehen, vielleicht, weil sie sah, dass die beiden inzwischen etwas verstanden hatten, was man in keiner Stunde lernen kann. Birgits Körper folgte Lucas Brust, bevor ihr Kopf die Bewegung begriff. Bei der Ocho, der Acht, die die Frau mit den Füßen auf den Boden zeichnet, spürte sie seinen Atem an ihrer Schläfe und musste die Augen schließen.
„Sie denken zu viel“, flüsterte er.
„Ich bin Steuerberaterin. Denken ist mein Beruf.“
„Heute nicht.“
Nach der Stunde warteten sie nicht auf das Altbier. Sie liefen schweigend den Rhein entlang, schneller als beim ersten Mal, und Birgit wusste bei jedem Schritt, wohin dieser Weg führte. Sie hätte umkehren können, an jeder Treppe, an jeder Bank. Sie kehrte nicht um. Im Aufzug zu seinem Apartment standen sie nebeneinander wie Fremde, die zufällig in dasselbe Stockwerk wollen, und erst als die Türen sich schlossen, drehte er sich zu ihr um. Seine Hand fand ihren Rücken, genau dort, wo sie beim Tanzen lag, und Birgit dachte, dass dies der eigentliche Anfang war, dass alles davor nur Übung gewesen war. Oben in der Wohnung brannte nur eine Stehlampe. Durch die Fensterfront sah sie den Hafen, das schwarze Wasser, die gekrümmten Fassaden. Dann sah sie nichts mehr außer ihm.
Es wurde ein Herbst, wie Birgit ihn nicht für möglich gehalten hätte. Dienstags Tango, danach die Speditionstraße. Samstags trafen sie sich am Tritonenbrunnen auf der Königsallee, liefen unter den Kastanien am Kö-Graben entlang, und Luca lachte über die Frauen mit den winzigen Hunden und den riesigen Einkaufstüten. Sie kaufte sich in einem der Geschäfte dort echte Tangoschuhe, rot, mit einem Riemchen über dem Spann, und er kniete sich mitten im Laden hin, um ihr die Schnalle zu schließen, während die Verkäuferin diskret zur Seite sah.
Sie sprachen nicht über März. Sie wussten beide, dass der Umbau im Medienhafen im Frühjahr fertig sein würde, und dass in Turin eine Wohnung auf ihn wartete, ein Leben, zwei erwachsene Söhne und eine Exfrau, mit der er jeden Sonntag telefonierte. Es war eine Affäre mit Ablaufdatum, und vielleicht war sie gerade deshalb so leicht. Keine Zukunftspläne, keine gemeinsamen Konten, keine Gespräche darüber, wer die Spülmaschine ausräumt. Nur Musik, Nächte und das Wasser vor dem Fenster.
Manchmal wachte Birgit im Morgengrauen in seinem Bett auf und blieb still liegen, um ihn nicht zu wecken. Draußen zogen die ersten Schubverbände den Rhein hinauf, schwer beladen, mit Wäsche auf der Leine und einem Fahrrad an Deck. Sie sah ihnen nach und dachte, dass sie ein Jahr lang geglaubt hatte, ihr Leben sei im Grunde vorbei, nur noch Verwaltung, Fristen und Belege. Und nun lag sie hier, dreiundfünfzig Jahre alt, mit zerzausten Haaren und wunden Füßen vom Tanzen, und fühlte sich jünger als mit dreißig.
Anfang März lud die Tangoschule zu einer Milonga ein, einem Tanzabend für alle Kurse. Birgit trug die roten Schuhe und ein schwarzes Kleid, das hinten bis zur Taille ausgeschnitten war. Luca trug einen Anzug, den sie noch nie an ihm gesehen hatte. Sie tanzten fast drei Stunden, und als der DJ den letzten Tango auflegte, einen alten, langsamen von Pugliese, blieb die halbe Tanzfläche stehen, um ihnen zuzusehen.
Danach gingen sie ein letztes Mal an den Rhein. Es war kalt, der Fluss führte Hochwasser, und die Promenade war fast leer. Luca blieb unter dem Rheinturm stehen und sah hinauf zu den Lichtzeigern.
„Zehn Uhr siebenundvierzig“, sagte er. „Ich kann sie jetzt lesen.“
„Dann bist du fast ein Düsseldorfer.“
„Fast.“ Er zog einen Umschlag aus der Innentasche seines Jacketts. „Ich habe hier einen Vertrag. Du musst ihn nicht unterschreiben.“
Es war ein Flugticket. Düsseldorf–Turin, Hinflug im Mai, der Rückflug offen.
„Die Italiener und ihre Verträge“, sagte Birgit, und ihre Stimme zitterte ein wenig.
„In Turin gibt es auch Tangoschulen“, sagte Luca. „Sehr gute. Aber keine Frau, die dort so tanzt wie du.“
Birgit sah auf das Ticket, dann auf den Fluss, dann auf die Lichter von Oberkassel, die ihr heute Abend gar nicht mehr so fern vorkamen. Sie dachte an die Kanzlei, an die Steuererklärungen, die im Mai fällig waren, an ihre Schwester, die sagen würde: „Bist du verrückt geworden?“ Und dann dachte sie gar nichts mehr, weil er recht hatte. Man konnte nicht tanzen und gleichzeitig denken.
Sie steckte den Umschlag in ihre Handtasche und legte die Hand auf seinen Rücken, ausnahmsweise sie auf seinen. „Acht Takte“, sagte sie. „Bis zur Speditionstraße. Und dann reden wir über Mai.“
Sie redeten in dieser Nacht nicht mehr über Mai. Aber das Ticket lag am Morgen noch immer in ihrer Tasche, und Birgit dachte nicht daran, es zurückzugeben.







